Samstag, 3. Oktober 2020

Ich war noch nie ein Kind der Traurigkeit

von Nora Poppensieker

Im Gegenteil: Ich freue mich eigentlich ununterbrochen, erfolgreich wiederbelebt worden zu sein und mein neu gewonnenes Leben wirklich leben zu können: Ich lebe nun in der Welt der Farben, freue mich über diese Tatsache und nutze all meine eingeschränkten Möglichkeiten, zu leben, voll aus. Somit genieße ich an sich jede Sekunde, die ich wieder „neu“ leben kann. Doch genieße ich es auch, traurig zu sein? Das ist doch selbst für mich kein angenehmes und erstrebenswertes Gefühl. Klar, bin ich traurig, so merke ich noch intensiver die Tatsache, zu leben. Dennoch würde ich sogar Momente, in denen ich keine nennenswerte Emotion empfinde, dem Gefühl der Traurigkeit vorziehen.

Und warum lese ich dann wieder und wieder die Sätze, die mich so traurig stimmen? Ich versuche richtig, mich so sehr in der Traurigkeit zu suhlen, so dass ich im Endeffekt auch wirklich Tränen vergießen muss. Und klappt das nicht, gehe ich noch einen Schritt weiter, indem ich vergangene Nachrichten lese, die mich beim Schreiben bzw. Empfangen dieser sehr traurig stimmten, obwohl der Inhalt der Nachrichten schon längst geklärt ist. Ich tue das, um meine damalige Gefühlswelt bei mir wieder hochkommen zu lassen und dann doch noch Tränen zu vergießen.

Warum mache ich das? Mache ich das, um die Momente nach einer neuen, wahrscheinlichen Versöhnung mehr zu genießen? Nein, ich glaube, in dem Moment, in dem ich traurig bin, möchte ich mir wirklich mal Zeit für mich nehmen und dieses Gefühl der Traurigkeit auch voll und ganz auszuschöpfen und ausleben, mich selbst zu spüren.

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